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Wie meine Tochter ihr erstes Lernplakat mit Sketchnotes gestaltete

Meine Tochter Antonia (9 Jahre, 3. Klasse) sollte das erste Mal zu einem frei wählbaren Thema recherchieren und es präsentieren. Das Thema “Wetter” und die Präsentationsform (Plakat) standen sehr schnell fest. Sie war aber nicht sicher, wie sie recherchieren sollte. Wo würde sie die Infos finden? Welche Infos sollten überhaupt aufs Plakat?

Wir haben das Plakat in einem Zeitraum von 2 Wochen erstellt. Teilweise waren ein paar Tage zwischen den einzelnen Schritten. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass ein Kind es auch in einer Woche schaffen kann. Für einen kürzeren Zeitraum könnte man auch nur einen Teil der Fragestellung herausnehmen und konkreter formulieren. Zum Beispiel statt „Das Wetter“ besser „Warum verändert sich das Wetter?“.

Das Plakat entstand in 4 Schritten:

  1. Quelle finden
  2. Infos sammeln
  3. Infos ordnen
  4. Umsetzung

Quelle finden

Wir hatten keinerlei Vorgaben, WO wir die Infos finden sollten. Deswegen versuchten wir es zuerst über Texte aus verschiedenen Online-Enzyklopädien:

Wir hätten natürlich auch Bücher aus der Bibliothek ausleihen können. Beim Durchstöbern der Online-Texte merkte ich aber schon, dass es meiner Tochter relativ schwer fiel, die Fließtexte mit vielen fremden Wörtern zu durchstöbern. Sehr schnell ließ dabei ihre Konzentration nach. Deswegen entschied ich mich, eher nach einer anderen Quelle zu suchen, wo die Inhalte schon gefilterter und einfacher präsentiert werden. So versuchten wir es mit einem Erklärvideo für Kinder. Es lief gleich viel besser und wir könnten zum nächsten Schritt übergehen.

Infos sammeln

Als Vorbereitung notierten wir vier Fragen auf jeweils ein A4-Blatt: Was ist das Wetter? Wie verändert sich das Wetter? Wieso ist es manchmal heiß und manchmal kalt? Wieso schneit es oder fallen Blätter von den Bäumen?

Meine Tochter hatte Spaß am Videoschauen. Etwas machte es noch besonders: ich bat sie parallel mitzuschreiben und Bilder zu skizzieren über das, was sie im Video wichtig fand. Das nennt man übrigens visuelle Notizen oder Sketchnotes.  Ich schrieb und zeichnete anfangs auch mit und stellte Zwischenfragen. Als Antonia von alleine arbeitete, ohne dass ich für sie zeichnete, hörte ich mit Mitschreiben auf.

Wir machten die Notizen auf kleinen Klebezetteln in vier verschiedenen Farben. Jedesmal wenn wir etwas aufschrieben, hielten wir das Video an. So hatten wir genug Zeit, um darüber nachzudenken, welche Farbe der Klebezettel haben sollte und was wir genau darauf schrieben und skizzierten. Antonia hatte eine große Freude daran, die Farbe zuzuordnen und den Klebezettel auf das passende Blatt zu kleben. Auch der Rhythmus zwischen Zuhören und Selber-Notieren war gut geeignet, um die Konzentration aufrecht zu erhalten.

Die verschiedenfarbigen Klebezettel erlaubten ihr auch, die Infos nach Wichtigkeit zu filtern und sie zu ordnen. So hatten wir am Ende schon eine Art Übersicht darüber, wie viel Info es tatsächlich war. Es war nicht zu viel und sah auf jeden Fall machbar aus!

auf Teppich liegen ein iPad und mehrere A4-Blätter, die beschrieben sind und mit verschieden farbigen Haftnotizen beklebt sind. Zwischendrin Textmarker und Fineliner.Vier Klebezettel im detail: 1: regen, Wind, Wolken, Gewitter aufgezählt, dazu jeweils ein kleines Bild. 2: Sonne bescheint die Erde im Weltall. Die Erde ist in zwei verschiedenen Phasen mit zwei verschiedenen Winkeln zu sehen. So bescheint die Sonne jeweils eine andere Ecke der Erde, nämlich die, die näher dran ist. 3: Schneekristalle fallen auf Erde. Ein Schneemann ist auch da. Man sieht ein Kugeleis für "gefroren". 4: eine Wolke voll mit ganz vielen Regentropfen. Daneben steht geschrieben, dass sie dadurch sehr schwer wird und die Tropfen irgendwann runterfallen.

Infos ordnen

Nun ging es daran, die gesammelten Informationen auf dem Originalformat so anzuordnen, dass es inhaltlich passt und gut aussieht. Antonia zeichnete den Titel gleich oben mittig und schlug 4 Spalten vor, da es ja vier Fragen seien. Nachdem wir auch die Reihenfolge festgelegt hatten, schrieb sie mit Bleistift vor. Dabei achteten wir darauf, dass jede Spalte die gleiche Breite hatte. Wenn sie mal länger wurde, konnten wir die Breite durch Radieren und Neuschreiben leicht korrigieren. Nun konnte es losgehen mit der Organisation einer Spalte: welche Info sollte ganz oben stehen? Welche darunter?

auf einem A1-Blatt ist oben mittig der Titel "Das Wetter" geschrieben. darunter vier Spalten, in denen jeweils ein paar Klebezettel geklebt sind derselben Farbe.

Umsetzung  

Antonia hatte sich ein schönes blaues Papier ausgesucht, dass sie für das finale Plakat nutzen wollte. Dieses wollte sie nun passend zur Skizze gestalten. Dafür schrieb und zeichnete sie erst einmal alle Texte und Bilder vor. Sie formulierte also die Texte aus und übertrug die Bilder der Klebezettel auf das etwas größere Format einer Spalte. Durch das Vorschreiben mit Bleistift hatte sie immer die Möglichkeit, Dinge zu löschen und hin- und herzuschieben, wenn der Platz mal anders organisiert werden sollte. Die gestalterische Freiheit machte ihr sichtlich Spaß.

Antonia am Tisch über das blaue Plakat gebeugt konturiert am Schreiben

Einen Schritt, nämlich die Gestaltung des Titels, hat sie auch noch vorweggenommen. Sie weiß schon, dass man Schrift passend zu einem Thema gestalten kann. In dem Buch “Handlettering for everyone” fand sie Inspiration für eine Wolkenschrift.

Plakat liegt fertig mit Bleistift beschrieben auf Schreibtisch. der Titel ist schon in der weißen fluggigen Wolkenschrift

Nun war es endlich soweit und sie konnte die Bilder kolorieren und die Schrift mit einem Fineliner nachschreiben. Als alles stand, hat sie noch die Bleistiftspuren wegradiert. Und fertig war das Plakat!

fertige Plakat. Oben fluffiger weißer Wolkenschrift "das Wetter". darunter vier Spalten: Was ist das Wetter? Wie verändert sich das Wetter? Wieso ist es manchmal heiß und manchmal kalt? Wieso schneit es oder fallen Blätter von den Bäumen? Alle sind durch eine weiße vertikale gestrichelte Linie voneinander getrennt. In den Spalten sind verschiedene Bilder, die die Inhalte jeweils verdeutlichen. Z. B. Tropfen in Wolken gefrieren, das ist Schnee. Bild dazu: eine Wolke mit vielen Tropfen gefroren. Schnee Folter auf Kinder, die neben einem Schnee man fröhlich eine Schneeballschlacht machen. Text: Laubblätter können Wasser nicht speichern. Deswegen fallen Blätter ab, wenn Boden gefriert und Wasser nicht mehr in Blätter geleitet werden kann. Frage: Wieso ist es manchmal heiß und kalt? Bild: Sonne scheint auf Erde, die ihren Winkel ändert. So entstehen Jahreszeiten. Bild: Erde dreht sich um sich selber und Sonne: das ist ein Jahr.

Nun war es endlich soweit und sie konnte die Bilder kolorieren und die Schrift mit einem Fineliner nachschreiben. Als alles stand, hat sie noch die Bleistiftspuren wegradiert. Und fertig war das Plakat!

Nun fehlte nur noch das Präsentieren-Üben.

Präsentation

Wir haben es ein paar Mal geübt. Sie war sehr sicher im Sprechen. Sie betrachtete hauptsächlich die Bilder und erzählte dann frei dazu.

Bevor sie das Plakat letzten Montag in der Klasse präsentierte, war ich mindestens genauso aufgeregt wie sie. Danach erzählte sie mir, dass es sehr gut angekommen sei bei der Lehrerin und ihren Mitschüler*innen. Alle fanden es gut, dass Antonia selber gezeichnet hat.

Für zukünftige Projekte hat die Lehrerin vorgeschlagen, auch mal einzelne kleinere Seiten zu präsentieren, die die Schülerin oder der Schüler nacheinander der Klasse zeigt. So wird der Bezug zwischen dem Gesprochenen und Gezeigten noch besser klar (Antonia hat auf dem großen Plakat nämlich nicht immer auf alle Bilder gezeigt).

Fazit

Ich hoffe natürlich, dass das Plakat die Lehrerin und die Schüler*innen auf neue Ideen bringt. Im Idealfall kann die Lehrerin SELBER solche Sketchnotes-Aufgaben geben. Sketchnotes sind hervorragend geeignet, um Dinge zu recherchieren, neue Infos besser zu verstehen und zu präsentieren. Ich werde auf jeden Fall weiter verfolgen, was die Lehrerin daraus macht.

Außerdem werde ich Antonia dazu ermutigen, ein Plakat mal komplett alleine zu gestalten. Ich habe ihr beim ersten Mal den Weg gezeigt und sie mit Werkzeugen und Verpflegung ausgestattet. Nun ist es vielleicht schon an ihr, ihren eigenen Weg zu gehen. :-)

 

 

Vision trifft Realität – So wichtig war kooperatives Design für den Teilhabeplan Leipzig

ausgedruckter Teilhabeplan mit einem Büroheftern zusammengeheftet. Titelblatt "Auf dem Weg zur Inklusive" Teilhaberplan der Stadt Leipzig für die Jahre 2017 bis 2014 in Leichter Sprache". Überm Titel ist mit einem schwarzen Marker ein lachender Smiley gezeichnet

Ende 2018 bekam ich von der Stadt Leipzig den Auftrag, die 10 Kapitel des Teilhabeplans in Leichter Sprache der Stadt zu illustrieren. Der Teilhabeplan “Auf dem Weg zur Inklusion” beschreibt, wie gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Einschränkung am gesellschaftlichen Leben der Stadt bis 2024 erreicht werden soll. Dafür hat die Stadt 10 Handlungsfelder aufgestellt: Wohnen, Bildung, Arbeit, Freizeit, öffentlicher Raum & Mobilität, Bewusstseinsbildung, Kommunikation, Mitwirkung & Ehrenamt, soziale Dienste und Gesundheit. Mein Auftrag bestand darin, die Zukunftsvision der Stadt für die 10 Handlungsfelder visuell zu übersetzen in sogenannte Zukunftsbilder.

Die Illustrationen sollen nicht nur leicht verständlich sein, sondern darüber hinaus sollen sie Modernität, Dynamik, Weltoffenheit und Vielfalt ausdrücken. Möglichst viele Bürger*innen sollen sich in ihnen wiederfinden. Also Menschen mit und ohne Einschränkung, unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Religionen, Geschlechter, Alter usw.. Das Ziel der Bilder besteht also weniger darin, die Handlungsfelder zu erklären, sondern sind vielmehr als politisches Statement der Stadt, Kommunikations- und PR-Werkzeug zu verstehen.

Was war das Besondere am Entstehungsprozess?

Es war sehr schnell klar, dass dieser Gestaltungsprozess anders stattfinden sollte als es bei einem klassischem Designentwurf der Fall ist. Wie sieht eine gelungene Teilhabe in der Zukunft aus? Was kann am Leben in der Stadt verbessert werden, damit alle mitmachen können? Das konnten mir nur die Menschen beantworten, um die es im Teilhabeplan geht: Selbstvertreter*innen (Menschen mit Einschränkung), Angehörige und ihre Mitmenschen. Mir und der Stadt war es wichtig, dass Teilhabe nicht nur auf dem Papier steht, sondern schon im Entstehungsprozess gewährleistet wird.

Um Bildmotive zu finden, muss ich in jedem Designprozess – also auch für andere Aufträge – mal mehr, mal weniger recherchieren, um realistische und authentische Bilder zu finden. Hier ging es aber noch einen Schritt weiter. Ich wollte eine Zukunftswelt darstellen aus der Sicht der Selbstvertreter*innen. Dafür musste ich ihre Bedürfnisse und Wünsche kennenlernen. Ich brauchte also einen echten Perspektivwechsel. Gleichzeitig musste ich aber auch die Sichtweise der Stadt berücksichtigen. Das heißt, nur solche Szenen darstellen, die von der Stadt direkt oder indirekt beeinflussbar sind.

Für zwei Phasen des Gestaltungsprozesses war ein Perspektivwechsel unersetzlich:

  • für die Ideenphase (Was soll auf das Bild?): welche Dinge und Personen sollen auf dem Bild zu sehen sein? Was tun die Menschen und wie sieht das Umfeld aus?
  • für die Farbphase (Welche Farbwelt gibt es?). Wenn das Motiv fertig gezeichnet ist, kommen die Farben. Diese müssen so gewählt werden, dass auch Sehbeeinträchtigte das Bild gut erkennen können. Diese Phase ist gerade in Arbeit.

Ich holte mir also Input von Selbstvertreter*innen. Mit dabei war außerdem Michael Peukert, der Initiator des Projektes “Mittendrin in Markkleeberg”. In diesem Projekt setzen sich Menschen mit Einschränkung mit wichtigen gesellschaftlichen Themen auseinander. Zum Beispiel machen sich die Teilnehmenden auch für Leichte Sprache in der Politik stark. Das Projekt trägt also zu einem größeren Verständnis für Demokratie und Menschenrechte bei Menschen mit Einschränkung bei. Klar, dass diese Thematik zum Teilhabeplan passte. So war mein Partner für die Arbeitssitzungen gefunden.

Wie verliefen die Sitzungen?

Bisher fanden 4 Arbeitssitzungen statt. Wir trafen uns immer für 2 Stunden am späten Nachmittag im Wohnverbund Katharina von Bora in Markleeberg .  

Ich und Michael Peukert mit fünf Klientinnen und Klienten aus dem Wohnheim posieren für das Foto vor beschriebene Pinnwand. Zwei der Gruppe halten bezeichnetes Flipchart-Papier in der Hand. Über uns stehen handgeschrieben unsere Namen: Michael, Brita, Maik, Thomas, Lutz, Christine

Ich leitete mit Michael Peukert die Diskussionen und zeichnete simultan mit. Beim Mitzeichnen fand ich schon erste Schlüsselbilder und erstellte gleichzeitig eine visuelle Dokumentation der besprochenen Inhalte. Da hauptsächlich ich sie nutzen sollte, sind die Blätter eher als großformatige Notizzettel gedacht (also kein “schickes” Plakat zum Aufhängen). Nebenbei gesagt: Moderieren UND Zeichnen gleichzeitig fällt mir bis heute schwer. Deswegen habe ich mich auf Scribbels beschränkt. Hier ein paar Beispiele aus meiner Feder:

skizzenhaft beschriebenes und bezeichnetes Flipchartpapier

skizzenhaft beschriebenes und bezeichnetes Pinnwandpapier

 

 

 

Der Ablauf war immer gleich, wobei die Methoden und Themen wechselten und die Übergänge fließend waren:

  1. Allgemeine Warm-Ups
  2. Intro zur Thematik
  3. Diskussion

Warm-Ups

Die Teilnehmenden mussten irgendwie aus ihrem Alltagstrott geholt werden. Jedesmal wenn ich ankam, wartete die Gruppe schon gemütlich beim Kaffeekränzchen auf mich, als ob sie es so jeden Nachmittag tun würde. Die Stimmung war immer sehr fröhlich und offen. Die Leute waren offensichtlich neugierig, sich auf neue Erfahrungen mit mir einzulassen, ohne mich vorher gekannt zu haben. Wie konnten wir sie nun dazu bewegen, mal anders zu denken und zu arbeiten als sie es gewohnt sind?

Die Herausforderung bestand also darin, die Bereitschaft zu wecken für neue Denkweisen. Außerdem sollte auch das Selbstbewusstsein gestärkt werden (“Mein Gefühl ist es wert gezeigt zu werden.”). Dafür war es wichtig, die Teilnehmenden erst einmal abzuholen mit etwas, was sie schon kennen. Ich wählte dafür einen möglichst niedrigschwelligen Einstieg.

Ich begann immer mit einer kleinen Achtsamkeitsübung. Die Fragen, die beantwortet werden sollten, waren zum Beispiel: Wie fühle ich mich? Was mag ich besonders? Was nicht? Welches besondere Erlebnis hatte ich? Die Selbstwahrnehmung wurde also trainiert.

Für die Umsetzung habe ich verschiedene Dinge ausprobiert:

  • Die Teilnehmenden erzählten, zeichnete mit
  • Die Teilnehmenden zeichneten und erzählten selber
  • Die Teilnehmenden erzählten selber und drückten sich körperlich aus

Meine Learnings aus den Warm-Ups

Man sollte immer ein Thema wählen, von dem die Teilnehmenden SELBER betroffen sind. Zum Beispiel:

Zeichnung eines gezackten Weihnachtsbaums mit Kerzen. Er besteht "nur" aus einer schwarzen durchgehenden Linie. Die Form ist sehr einfach und deswegen klar. Die Kerzen an den Zacken sind einfache vertikale Striche mit gelben Flammen. Unterm Baum stehen zwei verpackte Geschenke in rot.

Britta mochte den Weihnachtsbaum im Wohnheim. Zu Weihnachten war sie bei ihrer Schwester. Das war schön.

kräftige weit nach oben reichende dunkelgrüne Zacken geben einen Tannenwald wider. Auf einer Spitze ein braunes Holzhäschen angedeutet. Der kräftige Strich gibt wunderbar die Wildheit der Natur wider

Maik hat seine Freundin im Wald besucht, wo sie lebt.

eine ovale Form ähnlich wie eine liegende geschlossene Walnusschale. Es zieht ein horizontaler Strich von links nach rechts Mitte. Direkt darüber weiß gefüllte Rechtecke, die die Packungen andeuten. Die Form ist sehr abstrakt.

Thomas liebt Nudeln. Zu Weihnachten hat er einen Präsentkorb mit Nudeln bekommen.

Ein Strichmännchen steht mit ausgestreckten Armen neben einer rechteckigen Form, in der oben "TSB" steht. Unten in der Form deuten kleine Quadrate die Lichter des Zuges von vorne an.

Lutz wünscht sich schon lange, mit der transsibirischen Eisenbahn zu fahren. Er hat zu Weihnachten ein Buch darüber bekommen.

Das Selberzeichnen hat sehr gut funktioniert. Es gab keinerlei Scheu, sich mit Stift und Papier auseinanderzusetzen. Technisch gab es auch kein Problem, d. h. die Teilnehmenden wussten immer, wie sie etwas zeichnen konnten.

Sehr gut war auch eine Körperarbeit. Bei einer Übung wurden vier A4-Blätter auf dem Boden verteilt. Eines mit einem fröhlichem Smiley, eins mit einem neutralen, eins mit einem traurigen und ein Blatt mit Fragezeichen.

auf einem mit PVC ausgelegten Boden liegen hintereinander mit ca. 1 Meter Abstand 4 A4-Blatter mit je einem lächelnden, neutralen und traurigen Smiley und eins mit Fragezeichen

Ich fragte: Wie geht es Dir? Freust Du Dich auf das Wochenende? Freust Du Dich auf nächste Woche? Die Leute sollten sich zu den Blättern stellen gemäß ihren Antworten. Das Fragezeichen stand für „Weiß nicht.“. Durch die Bewegung kamen die Teilnehmenden schnell in Gang.

An Tagen, an denen wenig Berichtenswertes passiert war, war es wichtig, mit etwas Allgemeinem anzufangen (z. B. “Was mag ich?”) und dann langsam konkreter zu werden  (z. B. “Was mochte ich letzte Woche besonders?”). Ich habe gemerkt, dass es den Teilnehmenden manchmal schwerer fiel, sich mit etwas zu befassen, was vor Kurzem geschah und wieder vorbei ist als mit etwas, was immer präsent ist.

Diskussion über den Teilhabeplan

In jeder Sitzung besprachen wir 2 – 3 Handlungsfelder des Teilhabeplans. Es gab eine kleine Einführung in die Themen, mit denen die Teilnehmenden weniger vertraut sind. Bei den anderen starteten wir direkt mit der Diskussion. Die Einführung gestaltete ich z. B. mit vorbereiteten Karten, die ich hintereinander beim Sprechen ans Flipchart klebte. So ersparte ich mir simultanes Zeichnen und konnte mich auf das Sprechen konzentrieren. Den Teilnehmenden halfen meine Zeichnungen, sich ein erstes Bild zu machen vom unbekannten Thema.

Zum Beispiel das Kapitel “Kommunikation”. Darin beschreibt die Stadt Leipzig, wie sie ihre Kommunikation mit der Öffentlichkeit barriereärmer gestalten möchte. Beispielsweise auf ihrer Internetseite, auf Veranstaltungen, in Formularen und Publikationen.

A5-Karteikarten hängen am Flipchart. darauf texte und Bilder. Beispieltext: "Formulare in leichter Sprache", barrierefreie Internetseite, Amtsblatt in Leichter spräche, barrierefreie Veranstaltungen, Sitzungssaal und Festsaal barrierefrei, infos über Veranstaltung in leichter sprache, Leitaden, infos zum Stadtwald in leichter sprache, infotafeln

Die Interessen für die Themenfelder des Teilhabeplans waren unterschiedlich. Mal war der Zugang relativ einfach (z. B. Wohnen, Mobilität, Freizeit), mal etwas schwieriger (z. B. Kommunikation) und mal gar nicht möglich (Bewusstseinsbildung), weil das Themenfeld die Teilnehmenden nicht direkt betraf. Es war demnach eine besondere Herausforderung, das Interesse unter unterschiedlichen Bedingungen zu wecken.

Eine unserer Hauptaufgaben bestand erst einmal darin, bei den Teilnehmenden das Bewusstsein zu wecken für die persönliche Betroffenheit. Das Ziel war, die Teilnehmenden zur Antwort auf die Frage zu führen “Was hat das mit mir zu tun?”.

Das lief gut

Wir nutzen für die Diskussion immer konkrete Beispiele, die die Teilnehmenden aus ihrem Alltag kannten. Zum Beispiel das Thema “Ehrenamt”. Wir wollten Bilder finden zu: „Was macht Ehrenamt aus? Warum arbeiten Menschen ehrenamtlich?“. Unser Beispiel war der Gemeinschaftsgarten der Diakonie, den die Teilnehmenden mitgestalten. Sie wussten also genau, was es für Dinge dort gibt und was man dort macht und hatten großen Spaß daran, diese Dinge auf bunte Post-Its aufzuzeichnen und “ihren” Garten gemeinsam auf dem Flipchart nachzubauen.

Post-Its sind ein effektives Werkzeug, um Perfektionismus in der Visualisierung abzubauen. Die kleine Größe baut den Anspruch an einer “perfekten” Zeichnung ab. Ein paar Striche reichten, um die Gegenstände und Tätigkeiten darzustellen. Durch das Werkzeug Zeichnen und das gemeinsame Gestalten wurde die Gesprächsatmosphäre gelockert. Alle konnten sich in die (Gefühls-)Welt eines Gartens hineinversetzen, weiterdenken und diese Frage beantworten: „Was wäre, wenn es diesen Garten nicht geben würde?“ Antworten: „Sonst wäre alles langweilig.“, „Man hilft den Bedürftigen.“ „Das macht das Leben schön.“.

Flipchart mit Titel "Ehrenamt". gezeichnet ist eine Blumenwiese in einem satten Grün. drumherum sind bunte Postest geklebt mit verschiedenen kleinen Zeichnungen. Z. B. Parka, Blumenkohl, Harke, Grill, Rasenmäher, tanzender Affe

Es gab auch Themen, wo wir keine Hilfsmittel brauchten, um die Diskussion in Gang zu bringen: Wohnen, Mobilität und Arbeit. Da sprudelten die Teilnehmenden nur so mit ihren eigenen Erfahrungen heraus. Der Output an diesem Tag war enorm.

Zum Beispiel erzählte jemand von seinen Schwierigkeiten, sich an der Bahnhaltestelle am Hauptbahnhof Leipzig zu orientieren. Alle hatten auch etwas zu sagen zur Wohnsituation für Menschen, die auf barrierefreie Wohnungen angewiesen sind. Barrierefrei Wohnen bezieht sich demnach nicht nur auf die Ausstattung und Kosten der Wohnung, sondern auch auf die Wohngegend: ist sie gut mit Bus und Bahn zu erreichen? Gibt es Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe? Sind die Nachbarn nett? Kann man sich das Viertel selber aussuchen?

imRaum der Diakonie mit Tischgruppe und Pinnwand und Flipchart. die Gruppe sitzt am Tisch. ich stehe an Pinnwand und rede mit einem aus der Gruppe. Die Teilnehmer hören gespannt zu

Das lief weniger gut

Es gab auch Themen, für die die Teilnehmenden nicht so viele Ideen hatten. Da ist es uns weniger gelungen, die Teilnehmenden für die Problematik zu sensibilisieren und eine eigene Meinung zu bilden. Ich erkläre mir das folgendermaßen:

  • Keine Anknüpfungspunkte: beim Thema „Kommunikation“ fehlten z. B. die Erfahrungswerte. Die Kommunikationswege der Stadt Leipzig waren den Teilnehmenden nicht bekannt: sie hatten noch keine Veranstaltungen der Stadt besucht, kannten ihre Internetseite noch nicht und hatten das Rathaus noch nie von Innen gesehen. Also weitete ich die Diskussion aus: Wir sprachen über barrierefreie Kommunikation im Allgemeinen: Veranstaltungen, Internetseiten und Beschilderungen von anderen Insitutionenen. Nur das Kapitel „Formulare“ aus diesem Themenfeld fand Anklang.
  • Kein Interesse: die Teilnehmenden interessierten sich einfach nicht für das Thema (was natürlich berechtigt ist).
  • Unkritische Haltung: ich merkte, dass die Teilnehmenden es nicht gewohnt waren, dass jemand sie nach ihrer eigenen Meinung fragt. Zum Beispiel hatte eine Teilnehmerin die Meinung eines Arztes noch nie hinterfragt. Hier drehte sich die Diskussion darum, die Teilnehmenden zu motivieren, die Therapieempfehlung eines Arztes nicht einfach so hinzunehmen, sondern sich auch nach alternativen Behandlungen umzuschauen. Wir führten also erste Schritte aus in Richtung aktiver Meinungsbildung.

Andere Wege zum Perspektivwechsel

Wie oben beschrieben gab es ein paar Themenfelder, für die ich eher wenig Input von den Teilnehmenden bekam. Dies hat mich dazu geführt, den Perspektivwechsel über andere Wege zu erreichen. Ich wollte noch solche Stimmen hören, die direkt betroffen waren.

  • Sitzungen mit der Stadt: Den Blickwinkel der Stadt durfte ich nicht aus den Augen verlieren. Schließlich ist sie es, die einen Teil der Zukunftsvisionen ihrer Bevölkerung umsetzt. In zwei Sitzungen untersuchten und entwickelten wir die Bildideen unter dem Gesichtspunkt Umsetzbarkeit weiter.
  • Interviews und Feedback: zum Thema „Bildung“ interviewte ich Erzieher und Leitung aus Kindergarten und Hort, einen Integrationshelfer und Eltern eines Kindes mit Einschränkung. So erfuhr ich, was noch nicht optimal funktioniert und was sie sich wünschen, damit Inklusion in ihrem Umfeld gelingen kann. Zum Thema “Freizeit” holte ich mir Feedback vom Verein Gemeinsamgrün e. V., der den inklusiven Gemeinschaftsgarten SALVIA führt.
  • Social Media: über Facebook und Twitter berichtete ich über den laufenden Prozess und fragte meine Community auch nach Feedback. Zum Beispiel suchte ich nach einer schönen funktionierenden Rampe im öffentlichen Raum Leipzigs. Ein Twitter-Follower gab mir einen Hinweis dafür und gab mir wertvolle Tipps, worauf man bei Rampen achten sollte. Ein anderes Beispiel ist meine Umfrage zu typischen Sätzen, die Menschen mit Einschränkung öfter hören. Dazu bekam ich sehr viel Rückmeldung. Das folgende Bild ist klickbar. Dahinter befindet sich der vollständige Thread mit allen Antworten.Screenshot Twitter- Thread mit "Für die Illustrationen des teilhabeplans #leichteSprache der Stadt Leipzigwürde ich gern typische Fragen, Kommentare oder sonstige Reaktionen karikieren, die Menschen mit Behinderungoft zu hören bekommen/erleben. ich brauch Euren Input! Welche Sätze kennt Ihr? gerne RT.
  • Vor Ort da sein: auch meine Präsenz in der Wohnstätte der Diakonie war enorm wichtig. Ich bekam so ungefiltert Stimmungen mit und konnte mir ein erstes Bild machen von Strukturen und Beziehungen.

Viele der Inspirationen hatten eher indirekten und/oder unbewussten Einfluss auf die Entwürfe. Sie trugen aber genauso wie die Hard Facts zum Gesamtbild mit bei.

Und so sehen die Ideenentwürfe aus

Vorab nochmal zur Klärung: was ist eigentlich ein Ideenentwurf? In dieser Stufe des Gestaltungsprozesses stimme ich mich mit dem Auftraggeber über die INHALTE ab. Es geht um die Frage “Was soll drauf?”. Ziel ist es also, die richtigen Bildmotive zu finden. Fragen, die das “Wie sieht es aus?” klären ( z.B. Stil, Menschentyp und Farbe ) werden erst später geklärt.

Hier ein paar der Ideenentwürfe:

im Supermarkt holt ein Mitarbeiter oben aus dem Regal eine Dose für eine ältere Dame mit Rollator, die da nicht ran kommt.

eine Person sitzt am Schreibtisch, auf dem sie gerade ein Formular ausfüllt gemütlich bei einem Kaffee. daneben liegen Faltblätter mit dem Wappen der Stadt und "i" für Info und dem leichte-Sprache-Symbol. Auf einem Bildschirm ist auch das Stadtwappen mit dem LS-Icon. Die Person dreht sich fröhlich zum Betrachter und hält den Daumen hoch für "klappt!"Klassenraum. zwei kinder, eins davon mit einem Assistenten, am vorderen Tisch. das mit Assistent hilft dem anderen Kind bei der aufgabe. im Hintergrund sitzen zwei kinder auf einem großen gemütlichen Sitzkissen auf Boden und lesen gemeinsam ein buch. an einer anderen Tischgruppe arbeiten kinder an ihren Arbeitsblättern. bei ihnen steht ein Lehrer und erklärt den Schülern gerade freundlich etwas.

Arbeit: Supermarkt als Grundidee. Ein*e Mitarbeiter*in hilft einer hilfebedürftigen Person (z.B. ein älterer Mensch) im Supermarkt, etwas aus der oberen Regalreihe zu holen. Man sieht die Eingang des Marktes und bekommt einen Blick in eine kleinere Straße des Kiezes. Man sieht vielleicht auch noch andere Kunden und Mitarbeiter. Der Supermarkt sieht sehr freundlich und fast gemütlich aus.

Kommunikation: Grundidee: Jemand sitzt entspannt an einem Tisch mit einer Teetasse dabei und füllt alleine ein Formular aus. Auf dem Tisch liegen außerdem Flyer der Stadt (Wappen) in Leichter Sprache und ein Computerbildschirm, der die Internetseite der Stadt Leipzig zeigt. Als Hintergrund kann man sich noch ein privates Zimmer vorstellen.

Bildung: Grundidee: Lernsituation in einem Klassenzimmer. Kein Frontalunterricht. Ein Kind mit (z. B. Down-Syndrom) und eins ohne Behinderung lernen nebeneinander an einem Tisch. Neben dem Kind mit Behinderung seine Assistenz. Das Kind mit Behinderung spricht (aktive Rolle) und zeigt auf etwas auf dem Blatt des anderen Kindes. Die Assistenz schaut unterstützend. Um sie herum andere Schüler*innen beim Arbeiten. Der Klassenlehrer/die Klassenlehrerin ist bei anderen Schülern, guckt über die Schultern und hilft beim Arbeiten. Andere Kinder im Hintergrund sitzen nicht am Tisch, sondern eins sitzt auf einem Riesenkissen und liest ein Buch. Ein anderes hockt daneben, zeigt auf das Buch und sagt etwas dazu. Insgesamt eine entspannte Atmosphäre.

Résumé und Ausblick

Der Perspektivwechsel ist geglückt. Ich wurde in meiner Meinung gestärkt, dass dieser sehr wichtig und unbedingt notwendig ist, um authentische realistische Bildmotive zu finden. Die Illustrationen werden in den kommenden Wochen fertig gezeichnet. Ihr dürft gespannt sein. :-)

Ich habe in den Arbeitssitzungen viel dazugelernt über Umgang, Themen, Kreativitätsmethoden und Bildmotive für und mit der Zielgruppe von Leichte-Sprache-Texten. Die Sitzungen entsprachen aber auch mehr als einer reinen Entwurfsphase. Sie waren auch ein Bildungsangebot für alle Teilnehmenden der Diakonie Leipzig, weil alle etwas gelernt haben zu den besprochenen Themen.

Zu Beginn dieses Artikels schrieb ich, dass durch die gemeinsamen Arbeitssitzungen schon Teilhabe von Menschen mit Einschränkung gewährleistet werden sollte. Den ersten Schritt in diese Richtung haben wir hiermit getan. Der nächste Schritt wird sein, dass Menschen mit Einschränkung noch aktiver an der Kreation beteiligt sind, indem sie SELBER Motive finden und umsetzen. Aufgrund von Zeit- und Budgetknappheit konnte dies für den Teilhabeplan noch nicht umgesetzt werden.

Andere Themen, mit denen ich mich auseinandersetzen möchte, sind Bilder für Blinde. Momentan wurden diese noch nicht berücksichtigt. Der Teilhabeplan wird mit Standard-Druckverfahren gedruckt. Wie sollten Bilder und Grafiken gestaltet sein, dass sie auch im Reliefdruck (das ist die Druckart, die für solche Bilder eingesetzt wird) umsetzbar sind?

Zusammenfassend kann ich sagen, dass dieses Projekt ein guter Startpunkt war, um zukünftige Projekte ähnlicher Art durchzuführen.

Interview mit tutory: Mehr auf den Inhalt konzentrieren

Interview mit Thomas Haubner von tutory.de – einem Online-Tool zur Erstellung, Veröffentlichung und Teilen von Arbeitsblättern. Ich freue mich, meine neue Serie der visualisierten Interviews mit so einem spannenden und nützlichen Tool zu beginnen.

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Hallo Thomas! Was ist denn genau tutory?
Tutory ist ein Online-Editor zum Erstellen von Arbeitsblättern, Unterrichtsmaterial und Dokumenten. Er ist vergleichbar mit anderen Textverarbeitungsprogrammen. Der Unterschied: Inhalte werden als spezifische Bausteine eingefügt, die per Drag&Drop auf das Arbeitsblatt gezogen werden. Diese Bausteine sind auf die Bedürfnisse von Lehrenden angepasst. Zur Verfügung stehen z. B. Lückentexte, Multiple-Choice-Aufgaben, Sortieraufgaben, und viele mehr. Diese Bausteine können dann mit individuell angepasst werden.
Damit geht das Erstellen von komplexen Dokumenten wesentlich schneller. Fertige Arbeitsblätter können auf tutory dann veröffentlicht und von anderen genutzt werden. Wer veröffentlicht, tut dies unter freien Creative Commons Lizenzen. Die Nachnutzung und Anpassung von Inhalten ist kostenfrei, ohne Nachfragen möglich und rechtlich transparent.
Wie lange gibt es tutory schon?
Seit Februar 2016 ist tutory in der BETA-Phase. Diese endete mit dem Start des ersten kostenpflichtigen Angebotes – tutory-BASIC – Ende November 2016.
Welchen Bedarf möchtet Ihr mit tutory decken?
Lehrende sind auf Eigenproduktion von Material für den Unterricht angewiesen und verbringen viel Zeit damit, Dokumente zu layouten und für Schüler anschaulich zu gestalten. Das wissen Sie und suchen nach Möglichkeiten, diesen Prozess zu vereinfachen. Lehrerinnen und Lehrer wollen (und müssen) zunehmend auch digitale Unterrichtsmaterialien anbieten. Die Erstellung solcher Materialien ist oft noch viel schwieriger als ein analoges Lernmitel zu erstellen. Daher wollen wir ab März einen einfache Möglichkeit anbieten, interaktive Arbeitsblätter zu erstellen und zu nutzen.
Wer steht hinter tutory?
Insgesamt vier Personen bilden das Gründerteam von tutory: Thomas Hoyer (Grundschul- und Ethiklehrer), sein Bruder Stephan Hoyer (Dipl. Informatiker), André Herrn (Master Medieninformatik) und Thomas Haubner (B.A. Kulturwissenschaften, Schwerpunkt Kulturmarketing).
Wie kam es zur Idee für tutory?
Arbeitsblätter sind praktisches Medium, um individuelles Unterrichtsmaterial für die Klasse oder einzelne Lernenden zu erstellen. Sie sollen aber ansprechend und didaktisch sinnvoll formatiert sein. Soll dieser Anspruch aufrechterhalten werden, vervielfacht sich der Aufwand, wenn im Unterricht mehr differenziert werden soll. Auch fertige Verlagsmaterialien können diese Differenzierung nur bedingt leisten. Das hat Thomas Hoyer – einer der Mitgründer von tutory.de – in seiner Abschlussarbeit festgestellt. Nach einiger Recherche fand er keine funktionale Softwarelösung für dieses Problem. Damit war die Idee zu tutory geboren.
Wie macht Ihr auf Euch aufmerksam?
Wir nutzen eine Großzahl der Kanäle, die Start-Ups in den ersten Jahren zur Verfügung stehen: Social Media (Twitter, Facebook und Instagram), Konferenzen, Barcamps und Diskussionen im Bildungsbereich, wir veranstalten Fortbildungen zu tutory und allgemein zu Open Educational Resources (Unterrichtsmaterialien unter freien Creative Commons Lizenzen). Wir haben auch ein E-Book geschrieben (https://www.tutory.de/leitfaden-oer); ein Leitfaden zu den benannten Themen mit etlichen fachübergreifenden Unterrichtsbeispielen und ausgearbeiteten Material.

Die Beta-Fassung gehört nun zur Vergangenheit. Was steckt hinter dem gerade gelaunchten BASIC-Plan? Wie gestaltet Ihr Eure Preise?

Neu registrierte Nutzer können maximal 12 Arbeitsblätter anlegen. Mit BASIC wird diese Begrenzung aufgehoben. Außerdem können Kopf- und Fußzeile des Dokuments individualisiert und weitere Bausteine genutzt werden. tutory BASIC wird in 2017 um viele weitere Funktionen ergänzt.

Der Preis orientiert sich an vergleichbaren Angeboten und wirtschaftlichen Maßstäben. Lehrende geben von Jahr zu Jahr mehr für digitale Tools und Software aus. Wir denken, dass wir mit 59,90 Euro pro Jahr und Nutzer in einem akzeptablen Rahmen agieren.
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Eure Zielgruppe besteht zum großen Teil aus Lehrern. Könnt Ihr Euch vorstellen, das Tool auch für andere Lehrende (z. B. Trainer) anzubieten?
Bereits jetzt kann jeder Lehrende oder Trainer tutory nutzen. Die Meta-Angaben zur Auffindbarkeit der Dokumente sind zwar sehr schulspezifisch (mit Schulformen, Fächern und Klassen). Aber Trainer, die tutory für ihre Inhalte nutzen möchten und wenig Bedeutung auf die Veröffentlichung des Materials legen, können direkt loslegen.
Wie hoch ist die Bereitschaft der tutory-Anwender, ihre Arbeitsblätter zu teilen? Teilen ist ja nicht obligatorisch.
Genau. Unterrichtsmaterialien sind sensiblere Inhalte als zum Beispiel Fotos vom Mittagessen, die ich auf Instagram posten kann. Die Bereitschaft, zum Teilen ist nicht bei allen Kollegen hoch. Gründe dafür gibt es viele. Wir haben uns als erstes darum bemüht, die technischen Hürden des Teilens zu reduzieren. Die Entwicklung einer Kultur des Teilens unter Lehrenden ist jedoch ebenso wichtig, aber erfordert langfristiges Engagement. Es gibt aktuell schon über 500 größtenteils mehrseitige Unterrichtsmaterialien auf tutory. Wir haben einige Nutzer, die richtig viel teilen. Dafür sind wir auch sehr dankbar.
Wie sichert Ihr die Qualität und Richtigkeit der geteilten Arbeitsblätter? Ist es Euch eine Prüfung überhaupt wichtig? Oder kann da jeder machen, was er/sie will?
Wir kontrollieren die Qualität und Richtigkeit nicht redaktionell. Es gibt jedoch einen Melden-Button, in jeder Ansicht eines Arbeitsblatts. Meldet eine Nutzerin oder ein Nutzer einen Verstoß, gehen wir dem umgehend nach.
Bei Unterrichtsmaterial geht es nicht nur um Richtigkeit, sondern vor allem um Passgenauigkeit. Diese Prüfung kann nur die Lehrkraft selbst durchführen, denn nur sie kennt die genaue Unterrichtssituation. Fachliche Richtigkeit redaktionell zu prüfen, ist nur mit einem Team an Autoren möglich, die alle Fächer abdecken. Das können wir aktuell nicht leisten, aber wir denken natürlich über solche Möglichkeiten nach.
Was macht jemand, der es trotz der Vorlagen und Beispiele nicht schafft, sein Arbeitsblatt zu erstellen? Gibt es eine Art Design-Service, der bei der Erstellung von Arbeitsblättern hilft?
Spannende Frage. Im Grunde könnte man sagen: Ja, wir bieten einen Design-Service an, denn das Design in tutory ist festgelegt. Inhalte können nicht beliebig auf das Blatt geschrieben werden, sonden sind in einem Raster platziert. Außerdem haben spezifische Inhalte, wie z. B. eine Definition oder ein Zitat bei uns immer eine feste durchdachte Formatierung. Im Design ist tutory – auch zu Gunsten der Schüler – aktuell sehr beschränkt. Das erleichtert und beschleunigt die Erstellung aber enorm. Lehrende konzentrieren sich mehr auf den Inhalt und überlassen das Design den Voreinstellungen auf tutory. Dazu haben wir uns bewusst entschieden, denn grafische Anpassungen kosten sehr viel Zeit und verlangen auch viel Wissen über Schriften, Schriftschnitte, Abstände und Weißräume. Die meisten Lehrenden haben diese Fähigkeiten nicht, in Verlagen gibt es dafür Profis.
Zukünftig werden wir weitere Designs für verschiedene Bausteine anbieten. Diese sind dann farblich abgestimmt, damit ein gutes Gesamtbild entsteht. Auch bei den Schriftarten werden wir nur eine kleine Auswahl geben. Es werden spezifische gut lesbare Schriften für Schüler sein.
Gibt es für die tutory-Anwender die Möglichkeit, sich über das Tool hinaus über Arbeitsblätter und alles, was mit geschriebenem Lehrmaterial zu tun hat auszutauschen? Welche Maßnahmen unternehmt Ihr, um die Community weiter wachsen zu lassen?
Diese Möglichkeit gibt es aktuell noch nicht. Das Interesse der Nutzer daran ist allerdings auch sehr gering. Lehrer sind häufig Alleingänger, was ihren Unterricht betrifft. Eine direkte Kollaboration, gemeinsames Arbeiten an einem Inhalt ist eher selten, aber auch bedingt durch die Unterschiedlichkeit der Klassen und Lehrpläne. Soll Material geteilt werden, wird es in den Äther geschossen und wer es braucht, greift zu.
Teamteaching wird aber zunehmend wichtiger und auch die gemeinsame Vorbereitung von Unterricht geschieht schon in einigen Schulen. Dafür werden wir tutory sicher auch erweitern. Vorstellbar wäre kollaboratives Arbeiten à la Google-Docs, nur eben für Unterrichtsmaterial.
Sollen tutory-Anwender irgendwann Geld verlangen können für besonders beliebte Arbeitsblätter?

Wir sind noch einige Monate davon entfernt, hierfür ein konkretes Konzept vorlegen zu können. In einem ersten Schritt erscheint es jedoch sinnvoll, professionellen Anbietern von Unterrichtsmaterialien Zugang zur Plattform zu verschaffen, sodass diese dort Inhalte monetarisieren können und damit auch einen Mehrwert für unsere Nutzer generieren. Das können Kleinverlage sein, Medienanbieter oder auch Einzelselbstständige, die sich in dem Bereich professionalisiert haben.
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Was steht in den nächsten Monaten an?
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Aktuell konzipieren wir unser interaktives Arbeitsblatt. Mit diesem werden alle Dokumente, die mit tutory erstellt werden, auch als interaktive Websiten zur Verfügung stehen. Schüler können Aufgaben dann online beantworten und dem Lehrer z.B. per E-Mail zustellen.
 
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Und noch eine Info, die ich selber ergänze: auf der didacta 2017 haben tutory beim StartEdtech-Pitch (www.startedtech.de) im Bereich Bildungstechnologie den ersten Platz belegt. Glückwunsch dafür! Und vielen Dank für das Interview!