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Meine Reise in die französische Leichte Sprache

Einfahrt zum Terrain. Vorne am zäun auf Schild steht "Avenir Apei, accueil et acopagnement de personnel handicapest mentales – Siege social" Hinter Einfahrtstor ein größeres Haus im Altbau. Großer Parkplatz mit ein paar Autos. Links ist der Empfang in einem niedrigen Flachbau.

Mitte Mai hospitierte ich bei Avenir Apei in einem Übersetzungsbüro für die französische Leichte Sprache (français facile à lire et à comprendre: FALC) in Carrière-sur-Seine bei Paris. Vielleicht fragt Ihr Euch, warum ich mich dafür interessiere. Leichte Sprache finde ich schon im Deutschen spannend, da sie Informationen auf den Punkt bringt – ähnlich wie ich es mit meinen Bildern tue. Die französische Sprache ist eine meiner Leidenschaften. Sie ist zu meiner zweiten Sprache geworden durch meinen Frankreichaufenthalt, meinen französischen Lebenspartner und unsere Kinder. Da war der Weg nicht weit bis hin zur Frage, wie es mit der Leichten Sprache im Französischen aussieht. Als ich herausfand, dass die französischen Übersetzungsbüros zudem noch anders funktionieren als in Deutschland – Menschen mit Lernschwierigkeiten schreiben SELBER die Texte – stand mein Entschluss fest: ich wollte erfahren, wie diese Büros arbeiten.

Ein paar Sätze zum FALC

FALC wird per se nach den Regeln definiert. Das heißt diese müssen unbedingt eingehalten werden, sonst darf das Siegel nicht auf das Dokument. Eine Debatte über flexiblere Definitionen – wie wir es in Deutschland z. B. von der Uni Leipzig erleben – kennen die Franzosen nicht.

Zeichnung: eine Figur hält streng ein Schild mit einem roten großen Ausrufezeichen hoch. Zwei andere Figuren schauen ein bisschen eingeschüchtert drauf.´

Die Regeln für das FALC sind denen der deutschen Leichten Sprache sehr ähnlich. Nachlesen kann man sie hier.

Mir ist aufgefallen, dass es “leichte” Wörter im Französischen gibt, die ich in der deutschen Übersetzung als zu schwer empfinden würde. Zum Beispiel der Satz: “Des parlementaires sont des personnes qui nous représentent.” Wörtlich übersetzt hieße es: “Parlamentarier sind Personen, die uns vertreten.” “Vertreten” würde ich als zu schwer einschätzen. Da scheint es von Sprache zu Sprache Unterschiede zu geben.

Die Texte, die übersetzt werden, sind ausschließlich Informationstexte von meist öffentlichen Organisationen (z. B. Kommunen). Übersetzungen für Belletristik oder Lyrik gibt es gar nicht.

In Frankreich gibt es (noch) keine anderen Formen von vereinfachtem Deutsch (z. B. Einfache Sprache).

Was die Bilder betrifft, so nutzen die Übersetzer*innen Plattformen wie Picto-FranceDie Qualität und Vielfalt der Bilder lässt aber zu wünschen übrig.

Wie verliefen die Sitzungen?

Glastür ins FALC-Büro. Darauf kleb ein A4-Blatt mit dem Logo der Leichten Sprache

Zuerst einmal muss gesagt werden, dass die Übersetzungen in einer WfbM von Avenir Apei stattfanden. Es gibt also (noch) kein externes Büro. Der Gruppenleiter hat neben den Übersetzungen noch andere Aufgaben. Wenn keine Übersetzungsaufträge vorliegen, arbeitet er in der Wäscherei. Wenn ein Auftrag da ist, müssen die Aufgaben in der Wäscherei auf andere verteilt werden. Das ist nicht immer so einfach, kann man sich vorstellen.

Ich hatte Glück! Während meines Aufenthaltes kam ein ziemlich interessanter Auftrag rein. Die Partei La France Insoumise wünschte eine Übersetzung ihres Kurzwahlprogramms.

Wir waren insgesamt 5 Leute in der Redaktionsgruppe: drei Selbstvertreter*innen aus der Werkstatt, der Gruppenleiter und ich.

Im Büro, das etwa 10 qm groß ist. Von Glaswänden umgeben. Dahinter Andeutung einer Werkstatt. Im FALC-Büro sind zwei große Bürotische ums Eck stellt, darauf 4 Bildschirme. ich sitze mit der Redaktionsgruppe an einem der Tische vor 2 Bildschirmen. Es sieht nett, aber ein bisschen eng und dunkel aus. Im Raum gibt es kein Fenster nach außen.Wir arbeiteten an einem Rechner mit 2 Bildschirmen, einer davon für die Textredaktion, der andere für die Recherche.

Der Originaltext wird absatzweise gelesen. Dann fragt der Gruppenleiter: „Versteht Ihr das?“. Bei ja formuliert die Gruppe gleich um. Bei nein muss der Gruppenleiter den Originaltext noch einmal leichter formulieren. Dann fragt er die Gruppe: „Was versteht Ihr davon?“ oder „Was denkt Ihr darüber?“. Wenn die Gruppe bejaht, formuliert sie den Inhalt noch einmal mit leichter verständlichen Worten neu. Wenn der Satz sitzt, tippt ihn einer der Selbstvertreter*innen fertig ins Dokument. Es ist also ein permanenter Dialog zwischen dem Gruppenleiter und den Selbstvertreter*innen. Wichtig ist dabei stets, dass die Selbstvertreter*innen selber Textvorschläge machen oder die Verständlichkeit des vorgeschlagenen Textes bestätigen.

Zeichnung vierer Köpfe einander zugewandt freundliche sprechend. Über ihnen Sprechblasen.

Es wird mündlich formuliert. Entwürfe werden gleich eingetippt und dann bearbeitet. Wenn der gesamte Text fertig geschrieben ist, wird er nochmal von einer Person, die weniger teilgenommen hat, gelesen und auf Verständlichkeit untersucht. Sie liest ihn laut und meldet sich, wenn noch etwas unklar ist. 

Dann geht die gesamte Gruppe eine Tabelle mit geschlossenen Fragen durch. Z. B. “Sind die Sätze kurz?” und “Man darf keine Sonderzeichen benutzen. Wird diese Regel eingehalten?”. Das Ankreuzen ging den Teilnehmern leicht von der Hand.

Tabelle auf A4-Blatt mit etwa 50 Fragen zum AnkreuzenZum Schluss wird der Text geprüft von anderen Selbstvertreter*innen, die NICHT bei der Redaktion dabei waren.

Wenn eine bestimmte Anzahl an Fragen der Liste positiv beantworten werden konnte und die Prüfer den Text bestätigt haben, ist der Text FALC und darf das Siegel tragen.

Unsere Werkzeuge für das Schreiben waren:

  • Microsoft Word für die Textredaktion
  • Ein Synonymwörterbuch
  • Ein Klassisches Wörterbuch (z. B. Larousse, ein Wörterbuch für Leichte Sprache gibt es (noch) nicht)

Es gibt eine Internetseite, auf der man unsere Übersetzung in die Leichte Sprache einsehen bald kann: https://programme-candidats.interieur.gouv.fr . Allerdings haben sie nicht beachtet, dass man das Layout auch ändern sollte. Es sieht furchtbar aus! Sehr enge Schrift, das Layout ist genau wie das Original. Außerdem haben sie nicht alle Übersetzungen übernommen und welche weggelassen. Es wirkt halbherzig. 

Fragen, die ich mir stellte

Ein Gruppenmitglied war sehr dominant. Von ihm kam praktisch fast der ganze Text. Wie schafft man es, dass die GANZE Gruppe mitmacht?

Könnte man z. B. alternative Schreibmethoden einsetzen? Kann man den Schreibprozess methodisch überhaupt gestalten? Ich habe mich gewundert, dass niemand handgeschriebene Notizen machte (ich kann damit am besten denken und formulieren). Ich fand die Arbeit am Rechner sehr ermüdend. Auch konnten nicht alle Teilnehmer gleichberechtigt mitmachen und auf den Bildschirm schauen. Dieser ist nun mal für eine Person gemacht. Eine aktivierende Übung hätte vielleicht mehr Abwechslung und mehr Tempo hineingebracht. Um es zusammenzufassen, hatte ich den Eindruck, dass KEIN methodisches Konzept hinter dem Prüfungsprozess liegt. Es liegen zu wenig Erfahrungswerte dafür vor. Ich kann mir vorstellen, dass die FALC-Gruppen aber sehr interessiert wären, darüber mehr zu erfahren. Wenn also jemand von Euch einen Link mit mehr Infos zu Prüf- und Schreibmethoden teilen möchte, dann schreibt es im Kommentar dieses Artikels.

Zwei Bilder nebeneinander. Links bin ich mit Pierre nebeneinander. Wir gucken direkt in die Kamera. ich grinse, Pierre schaut eher ernst und hält eine Broschüre zu den FALC-regeln in die Kamera. rechts: .Draußen neben dem Gebäude auf Wiese. ich sitze mit Pierre auf Klappstühlen. Wir gucken uns ein gedrucktes Heft an. Er schaut gerade zu mir, weil er mich etwas zu fragen scheint. Wir genießen die pause in der Sonne.

Mit Pierre sprach ich ganz viel. Er zeigte mir viel Material zum FALC.

Könnte ein solcher Prozess auch ohne den Gruppenleiter funktionieren? Dieser übersetzt ja schwierige Sätze vorab in eine einfachere Version, damit die Selbstvertreter*innen überhaupt wissen, worum es geht. Könnte man die Selbstvertreter*innen bemächtigen, die Bedeutung der Texte selber zu recherchieren, also eigenständiger zu arbeiten?

Da ich noch keine Erfahrung gemacht habe in einem deutschsprachigen Übersetzungsbüro, fragte ich mich auch: Wie übersetzen deutschsprachige Übersetzer für die deutsche Leichte Sprache? Arbeiten sie auch am Rechner von Anfang an oder schreiben sie handschriftlich? Gibt es vielleicht sogar welche, die besondere Methoden verwenden?

Was nehme ich mir sonst noch aus den Sitzungen mit?

Meine Rolle war zuerst weitestgehend Beobachterin, ich nahm also nicht aktiv am Übersetzungsprozess teil. Mit der Zeit arbeitete ich aber immer mehr mit. Einige Male ersetzte ich sogar den Gruppenleiter vollständig, als dieser weg musste. Ich moderierte und übersetzte also mit der Gruppe. Zuerst war ich verunsichert, bekam aber mit der Zeit mehr Selbstvertrauen. Erstaunlicherweise hatte ich am Ende sogar das Gefühl, dass mir das Übersetzen ins FALC leichter fällt als im Deutschen in die Leichte Sprache. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich sowieso schon zwischen dem Deutschen und Französischen übersetzen, also Sätze kürzer formulieren und Wörter verständlicher ausdrücken muss. Liegt darin vielleicht ein Potenzial auch für deutsche Texte? Könnte man Nicht-Muttersprachler aktiver in den Übersetzungsprozess mit einbeziehen?

Eine visuelle Prozessbegleitung war mit dieser Arbeitsweise nicht möglich. Ich hatte den Eindruck, dass die Teilnehmenden keine Bilder brauchten, um Begriffe besser zu verstehen. Das lag wahrscheinlich daran, dass der Gruppenleiter die Sätze sehr gut zusammenfasste und einfach formulierte.

Bilder zwischendurch

In den Kaffeepausen gab es Gelegenheit, sich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auszutauschen. Die Leute waren alle sehr offen, neugierig und freundlich mir gegenüber. Wenn sie mich zeichnen sahen, wollten sie sofort mitmachen. So gab es ein paar Situationen im Flur, wo ein Mitarbeiter mir zeigte, wie er Gesichter oder seine Arbeitswerkzeuge zeichnet. Sie fanden es toll, sich über die Bilder auszudrücken. Einer meinte sogar, dass er jetzt immer “so” zeichnen wolle.

Foto von zeichnender hand in einem Notizblock. Dahinter angeschnitten jemand, der etwas transportiert. Rechts daneben Ausschnitte aus dem Skizzenbuch mit Gesichtern und den gezeichneten Werkzeugen: Waage, Bügeleisen und Rollwagen

Was habe ich über die Branche erfahren?

Aus Gesprächen mit Claire Grisard, Verantwortliche für Barrierefreiheit bei Unapei (Dachorganisation der Inklusionseinrichtungen) und Luc Pallier, Geschäftsführer von Avenir Apei, konnte ich Informationen über die Inklusionsbranche im weiteren Sinne bekommen.

ich und Claire sitzen an einem Ecktisch in einem Bistro vor angeknabberten Flammkuchen

Es ist so: Aktuell gibt es 13 Leichte-Sprache-Übersetzungsbüros in ganz Frankreich. 9 davon haben in den letzten 2 Jahren eröffnet. Es ist also eine sehr junge Bewegung.

Dass für die Übersetzungen Geld bezahlt wird, ist auch erst seit ca. 2 Jahren der Fall. Davor sagten alle: « Das muss ein kostenloser Service bleiben. Weil: das ist eine Wohltätigkeit. Wir tun den Betroffenen etwas Gutes. » Auch heute noch gibt es innerhalb der Inklusionsbranche viele Menschen, die das sagen. Sie möchten nicht, dass mit Übersetzungen Geld verdient wird.

Da ist es logisch, dass Organisationen bis vor Kurzem kein Geld ausgeben wollten für Leichte-Sprache-Texte. Dass wir bei Avenir Apei das Wahlprogramm einer Partei übersetzt haben, ist das allererste Mal. Was die Bilder betrifft, so verzichten die meisten Auftraggeber auf diese. Entweder sie wollen einfach kein Geld dafür ausgeben, oder sie finden die Bilder, die in Bilderbanken zur Verfügung stehen, zu hässlich. Es gibt erst sehr wenige Illustratorinnen und Illustratoren, die Leichte Bilder gestalten, also eine Alternative zu Bilderbanken anbieten. Es gibt in Frankreich allerdings viele Selbstvertrerinnen und -vertreter, die nach einer einheitlichen wiederkennbaren Bildsprache für FALC-Texte verlangen. Daran lässt sich erkennen, dass die Gruppe noch keine Erfahrung hat mir wiederkehrenden Bildern.

Claire Grisard steht nun vor der Entscheidung, eine seriöse Bilderbank aufzubauen ODER sich dagegen zu entscheiden und eher die Konditionen zu schaffen für eine vielfältigere Bilderlandschaft. Von mir holte sie sich die Argumente, da die Leichte Sprache und Bilder in Deutschland schon weiter entwickelt sind und mehr Erfahrungswerte vorliegen.

Ihr kennt meine Sicht der Dinge. Ich glaube, dass die Bilder besser und vielfältiger werden müssen, um wirklich Teilhabe zu ermöglichen. Ich denke, ich habe Claire von der Notwendigkeit überzeugen können. Let’s see, wie es in Frankreich weiter geht!

Und hier noch ein paar andere Fakten: Seit 1997 sind Kommunen schon dazu verpflichtet, ihre Infos barrierefrei zur Verfügung zu stellen. Dazu zählt aber NICHT die Leichte Sprache.

Die Mitarbeiter*innen einer WfbM verdienen etwa 120 Euro netto im Monat. Der Rest wird über Sozialleistungen aufgestockt.

Es gab ein Gesetz, das Werkstätten dazu verpflichte, Freizeitangebote während der Arbeitszeit anzubieten. Dieses gibt es seit kurzem nicht mehr. Der Geschäftsführer der Werkstatt in Carrière-sur-Seine fand es aber wichtig, die Tätigkeiten beizubehalten, weil sie die Angestellten motivieren und die Arbeitsatmosphäre besser ist. Die Freizeitangebote finden in besonderen Räumen der Werkstatt statt. Ich war in der Theater-AG und habe mitbekommen, wie viel Spaß alle Beteiligten daran hatten.

Rendez-vous mit meinen französischen Kolleg*innen

Neben Menschen aus der Inklusionsbranche traf ich auch französische Visualisiererinnen und Visualisierer.

Mit Magalie LeGall, einer Bibliothekarin im Sketchnotes-Fieber, sprach ich über Kreativitätsmethoden. Auch sie ist regelmäßig in der Situation, alternative visuelle Lernmethoden in Workshops für Unis und Bibliotheken anzuwenden.

Beatrice Lhuillier lud mich ein, in ihrem Graphic-Facilitation-Workshop meine Herangehensweise von Graphic Facilitation, also visueller Prozessbegleitung, vorzustellen. Ich erzählte von kollaborativem Design –  zum Beispiel für die Illustrationen des Teilhabeplans Leipzig – visuelle Arbeitsplakate und Sketchnotes als Lernwerkzeug. Es war eine super Erfahrung, da ich das erste Mal in einem professionellem Rahmen vor mehreren Leuten auf französisch von meiner Arbeit sprach.

Außerdem traf ich Olivier Pesret. Es ist immer wieder sehr bereichernd sich mit ihm auszutauschen, weil er einen besonders weiten Blick auf die Visualisierer-Tätigkeit hat und viel tut, um unsere Community voranzubringen. Graphic Facilitation und andere „alternative“ Kommunikationswerkzeuge sind noch richtig unbekannt in Frankreich. Zum Beispiel kannte niemand die Metacom-Symbole. Nicht nur in der Inklusionsbranche, auch bei den meisten Unternehmen ist (Live-)Visualisierung auch noch nicht angekommen. Olivier erzählte mir, dass die französischen Visualisierer also noch jede Menge zu tun haben, um bei den Organisationen Türen zu öffnen.

Vier Bilder insgesamt. drei Selfies mit der jeweiligen Person. Das mit Magalie sieht lustig aus, weil wir mit Weingläsern lachen und das mit Beatrice sieht lustig aus, weil wir Posits auf unseren Münden kleben haben,. dDarauf sind lachende Münder gezeichnet. Ein Foto zeit mich beim Präsentieren ins Beas Workshop.

Resumé

Die Woche hatte es in sich! Ich habe viele unterschiedliche Eindrücke und Perspektiven bekommen. Ich habe gemerkt, dass die leichte Kommunikation in Frankreich zwar noch nicht ganz angekommen ist, es aber motivierte Menschen gibt, die das ändern wollen. Das Feld ist noch relativ unangetastet. Aber im Anfang liegt auch die Kraft. Alles kann noch aus dem Feld gedeihen. Wir müssen darauf achten, welche Samen wir säen. Die Franzosen haben zwar nach wie vor eine etwas starre Beziehung zu ihrer Sprache. Aber ich bin sicher, dass wir Vereinfacherinnen und Vereinfacher es schaffen, die leichte Kommunikation auch nach Frankreich zu bringen.

Weiterführende Links

 

Vision trifft Realität – So wichtig war kooperatives Design für den Teilhabeplan Leipzig

ausgedruckter Teilhabeplan mit einem Büroheftern zusammengeheftet. Titelblatt "Auf dem Weg zur Inklusive" Teilhaberplan der Stadt Leipzig für die Jahre 2017 bis 2014 in Leichter Sprache". Überm Titel ist mit einem schwarzen Marker ein lachender Smiley gezeichnet

Ende 2018 bekam ich von der Stadt Leipzig den Auftrag, die 10 Kapitel des Teilhabeplans in Leichter Sprache der Stadt zu illustrieren. Der Teilhabeplan “Auf dem Weg zur Inklusion” beschreibt, wie gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Einschränkung am gesellschaftlichen Leben der Stadt bis 2024 erreicht werden soll. Dafür hat die Stadt 10 Handlungsfelder aufgestellt: Wohnen, Bildung, Arbeit, Freizeit, öffentlicher Raum & Mobilität, Bewusstseinsbildung, Kommunikation, Mitwirkung & Ehrenamt, soziale Dienste und Gesundheit. Mein Auftrag bestand darin, die Zukunftsvision der Stadt für die 10 Handlungsfelder visuell zu übersetzen in sogenannte Zukunftsbilder.

Die Illustrationen sollen nicht nur leicht verständlich sein, sondern darüber hinaus sollen sie Modernität, Dynamik, Weltoffenheit und Vielfalt ausdrücken. Möglichst viele Bürger*innen sollen sich in ihnen wiederfinden. Also Menschen mit und ohne Einschränkung, unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Religionen, Geschlechter, Alter usw.. Das Ziel der Bilder besteht also weniger darin, die Handlungsfelder zu erklären, sondern sind vielmehr als politisches Statement der Stadt, Kommunikations- und PR-Werkzeug zu verstehen.

Was war das Besondere am Entstehungsprozess?

Es war sehr schnell klar, dass dieser Gestaltungsprozess anders stattfinden sollte als es bei einem klassischem Designentwurf der Fall ist. Wie sieht eine gelungene Teilhabe in der Zukunft aus? Was kann am Leben in der Stadt verbessert werden, damit alle mitmachen können? Das konnten mir nur die Menschen beantworten, um die es im Teilhabeplan geht: Selbstvertreter*innen (Menschen mit Einschränkung), Angehörige und ihre Mitmenschen. Mir und der Stadt war es wichtig, dass Teilhabe nicht nur auf dem Papier steht, sondern schon im Entstehungsprozess gewährleistet wird.

Um Bildmotive zu finden, muss ich in jedem Designprozess – also auch für andere Aufträge – mal mehr, mal weniger recherchieren, um realistische und authentische Bilder zu finden. Hier ging es aber noch einen Schritt weiter. Ich wollte eine Zukunftswelt darstellen aus der Sicht der Selbstvertreter*innen. Dafür musste ich ihre Bedürfnisse und Wünsche kennenlernen. Ich brauchte also einen echten Perspektivwechsel. Gleichzeitig musste ich aber auch die Sichtweise der Stadt berücksichtigen. Das heißt, nur solche Szenen darstellen, die von der Stadt direkt oder indirekt beeinflussbar sind.

Für zwei Phasen des Gestaltungsprozesses war ein Perspektivwechsel unersetzlich:

  • für die Ideenphase (Was soll auf das Bild?): welche Dinge und Personen sollen auf dem Bild zu sehen sein? Was tun die Menschen und wie sieht das Umfeld aus?
  • für die Farbphase (Welche Farbwelt gibt es?). Wenn das Motiv fertig gezeichnet ist, kommen die Farben. Diese müssen so gewählt werden, dass auch Sehbeeinträchtigte das Bild gut erkennen können. Diese Phase ist gerade in Arbeit.

Ich holte mir also Input von Selbstvertreter*innen. Mit dabei war außerdem Michael Peukert, der Initiator des Projektes “Mittendrin in Markkleeberg”. In diesem Projekt setzen sich Menschen mit Einschränkung mit wichtigen gesellschaftlichen Themen auseinander. Zum Beispiel machen sich die Teilnehmenden auch für Leichte Sprache in der Politik stark. Das Projekt trägt also zu einem größeren Verständnis für Demokratie und Menschenrechte bei Menschen mit Einschränkung bei. Klar, dass diese Thematik zum Teilhabeplan passte. So war mein Partner für die Arbeitssitzungen gefunden.

Wie verliefen die Sitzungen?

Bisher fanden 4 Arbeitssitzungen statt. Wir trafen uns immer für 2 Stunden am späten Nachmittag im Wohnverbund Katharina von Bora in Markleeberg .  

Ich und Michael Peukert mit fünf Klientinnen und Klienten aus dem Wohnheim posieren für das Foto vor beschriebene Pinnwand. Zwei der Gruppe halten bezeichnetes Flipchart-Papier in der Hand. Über uns stehen handgeschrieben unsere Namen: Michael, Brita, Maik, Thomas, Lutz, Christine

Ich leitete mit Michael Peukert die Diskussionen und zeichnete simultan mit. Beim Mitzeichnen fand ich schon erste Schlüsselbilder und erstellte gleichzeitig eine visuelle Dokumentation der besprochenen Inhalte. Da hauptsächlich ich sie nutzen sollte, sind die Blätter eher als großformatige Notizzettel gedacht (also kein “schickes” Plakat zum Aufhängen). Nebenbei gesagt: Moderieren UND Zeichnen gleichzeitig fällt mir bis heute schwer. Deswegen habe ich mich auf Scribbels beschränkt. Hier ein paar Beispiele aus meiner Feder:

skizzenhaft beschriebenes und bezeichnetes Flipchartpapier

skizzenhaft beschriebenes und bezeichnetes Pinnwandpapier

 

 

 

Der Ablauf war immer gleich, wobei die Methoden und Themen wechselten und die Übergänge fließend waren:

  1. Allgemeine Warm-Ups
  2. Intro zur Thematik
  3. Diskussion

Warm-Ups

Die Teilnehmenden mussten irgendwie aus ihrem Alltagstrott geholt werden. Jedesmal wenn ich ankam, wartete die Gruppe schon gemütlich beim Kaffeekränzchen auf mich, als ob sie es so jeden Nachmittag tun würde. Die Stimmung war immer sehr fröhlich und offen. Die Leute waren offensichtlich neugierig, sich auf neue Erfahrungen mit mir einzulassen, ohne mich vorher gekannt zu haben. Wie konnten wir sie nun dazu bewegen, mal anders zu denken und zu arbeiten als sie es gewohnt sind?

Die Herausforderung bestand also darin, die Bereitschaft zu wecken für neue Denkweisen. Außerdem sollte auch das Selbstbewusstsein gestärkt werden (“Mein Gefühl ist es wert gezeigt zu werden.”). Dafür war es wichtig, die Teilnehmenden erst einmal abzuholen mit etwas, was sie schon kennen. Ich wählte dafür einen möglichst niedrigschwelligen Einstieg.

Ich begann immer mit einer kleinen Achtsamkeitsübung. Die Fragen, die beantwortet werden sollten, waren zum Beispiel: Wie fühle ich mich? Was mag ich besonders? Was nicht? Welches besondere Erlebnis hatte ich? Die Selbstwahrnehmung wurde also trainiert.

Für die Umsetzung habe ich verschiedene Dinge ausprobiert:

  • Die Teilnehmenden erzählten, zeichnete mit
  • Die Teilnehmenden zeichneten und erzählten selber
  • Die Teilnehmenden erzählten selber und drückten sich körperlich aus

Meine Learnings aus den Warm-Ups

Man sollte immer ein Thema wählen, von dem die Teilnehmenden SELBER betroffen sind. Zum Beispiel:

Zeichnung eines gezackten Weihnachtsbaums mit Kerzen. Er besteht "nur" aus einer schwarzen durchgehenden Linie. Die Form ist sehr einfach und deswegen klar. Die Kerzen an den Zacken sind einfache vertikale Striche mit gelben Flammen. Unterm Baum stehen zwei verpackte Geschenke in rot.

Britta mochte den Weihnachtsbaum im Wohnheim. Zu Weihnachten war sie bei ihrer Schwester. Das war schön.

kräftige weit nach oben reichende dunkelgrüne Zacken geben einen Tannenwald wider. Auf einer Spitze ein braunes Holzhäschen angedeutet. Der kräftige Strich gibt wunderbar die Wildheit der Natur wider

Maik hat seine Freundin im Wald besucht, wo sie lebt.

eine ovale Form ähnlich wie eine liegende geschlossene Walnusschale. Es zieht ein horizontaler Strich von links nach rechts Mitte. Direkt darüber weiß gefüllte Rechtecke, die die Packungen andeuten. Die Form ist sehr abstrakt.

Thomas liebt Nudeln. Zu Weihnachten hat er einen Präsentkorb mit Nudeln bekommen.

Ein Strichmännchen steht mit ausgestreckten Armen neben einer rechteckigen Form, in der oben "TSB" steht. Unten in der Form deuten kleine Quadrate die Lichter des Zuges von vorne an.

Lutz wünscht sich schon lange, mit der transsibirischen Eisenbahn zu fahren. Er hat zu Weihnachten ein Buch darüber bekommen.

Das Selberzeichnen hat sehr gut funktioniert. Es gab keinerlei Scheu, sich mit Stift und Papier auseinanderzusetzen. Technisch gab es auch kein Problem, d. h. die Teilnehmenden wussten immer, wie sie etwas zeichnen konnten.

Sehr gut war auch eine Körperarbeit. Bei einer Übung wurden vier A4-Blätter auf dem Boden verteilt. Eines mit einem fröhlichem Smiley, eins mit einem neutralen, eins mit einem traurigen und ein Blatt mit Fragezeichen.

auf einem mit PVC ausgelegten Boden liegen hintereinander mit ca. 1 Meter Abstand 4 A4-Blatter mit je einem lächelnden, neutralen und traurigen Smiley und eins mit Fragezeichen

Ich fragte: Wie geht es Dir? Freust Du Dich auf das Wochenende? Freust Du Dich auf nächste Woche? Die Leute sollten sich zu den Blättern stellen gemäß ihren Antworten. Das Fragezeichen stand für „Weiß nicht.“. Durch die Bewegung kamen die Teilnehmenden schnell in Gang.

An Tagen, an denen wenig Berichtenswertes passiert war, war es wichtig, mit etwas Allgemeinem anzufangen (z. B. “Was mag ich?”) und dann langsam konkreter zu werden  (z. B. “Was mochte ich letzte Woche besonders?”). Ich habe gemerkt, dass es den Teilnehmenden manchmal schwerer fiel, sich mit etwas zu befassen, was vor Kurzem geschah und wieder vorbei ist als mit etwas, was immer präsent ist.

Diskussion über den Teilhabeplan

In jeder Sitzung besprachen wir 2 – 3 Handlungsfelder des Teilhabeplans. Es gab eine kleine Einführung in die Themen, mit denen die Teilnehmenden weniger vertraut sind. Bei den anderen starteten wir direkt mit der Diskussion. Die Einführung gestaltete ich z. B. mit vorbereiteten Karten, die ich hintereinander beim Sprechen ans Flipchart klebte. So ersparte ich mir simultanes Zeichnen und konnte mich auf das Sprechen konzentrieren. Den Teilnehmenden halfen meine Zeichnungen, sich ein erstes Bild zu machen vom unbekannten Thema.

Zum Beispiel das Kapitel “Kommunikation”. Darin beschreibt die Stadt Leipzig, wie sie ihre Kommunikation mit der Öffentlichkeit barriereärmer gestalten möchte. Beispielsweise auf ihrer Internetseite, auf Veranstaltungen, in Formularen und Publikationen.

A5-Karteikarten hängen am Flipchart. darauf texte und Bilder. Beispieltext: "Formulare in leichter Sprache", barrierefreie Internetseite, Amtsblatt in Leichter spräche, barrierefreie Veranstaltungen, Sitzungssaal und Festsaal barrierefrei, infos über Veranstaltung in leichter sprache, Leitaden, infos zum Stadtwald in leichter sprache, infotafeln

Die Interessen für die Themenfelder des Teilhabeplans waren unterschiedlich. Mal war der Zugang relativ einfach (z. B. Wohnen, Mobilität, Freizeit), mal etwas schwieriger (z. B. Kommunikation) und mal gar nicht möglich (Bewusstseinsbildung), weil das Themenfeld die Teilnehmenden nicht direkt betraf. Es war demnach eine besondere Herausforderung, das Interesse unter unterschiedlichen Bedingungen zu wecken.

Eine unserer Hauptaufgaben bestand erst einmal darin, bei den Teilnehmenden das Bewusstsein zu wecken für die persönliche Betroffenheit. Das Ziel war, die Teilnehmenden zur Antwort auf die Frage zu führen “Was hat das mit mir zu tun?”.

Das lief gut

Wir nutzen für die Diskussion immer konkrete Beispiele, die die Teilnehmenden aus ihrem Alltag kannten. Zum Beispiel das Thema “Ehrenamt”. Wir wollten Bilder finden zu: „Was macht Ehrenamt aus? Warum arbeiten Menschen ehrenamtlich?“. Unser Beispiel war der Gemeinschaftsgarten der Diakonie, den die Teilnehmenden mitgestalten. Sie wussten also genau, was es für Dinge dort gibt und was man dort macht und hatten großen Spaß daran, diese Dinge auf bunte Post-Its aufzuzeichnen und “ihren” Garten gemeinsam auf dem Flipchart nachzubauen.

Post-Its sind ein effektives Werkzeug, um Perfektionismus in der Visualisierung abzubauen. Die kleine Größe baut den Anspruch an einer “perfekten” Zeichnung ab. Ein paar Striche reichten, um die Gegenstände und Tätigkeiten darzustellen. Durch das Werkzeug Zeichnen und das gemeinsame Gestalten wurde die Gesprächsatmosphäre gelockert. Alle konnten sich in die (Gefühls-)Welt eines Gartens hineinversetzen, weiterdenken und diese Frage beantworten: „Was wäre, wenn es diesen Garten nicht geben würde?“ Antworten: „Sonst wäre alles langweilig.“, „Man hilft den Bedürftigen.“ „Das macht das Leben schön.“.

Flipchart mit Titel "Ehrenamt". gezeichnet ist eine Blumenwiese in einem satten Grün. drumherum sind bunte Postest geklebt mit verschiedenen kleinen Zeichnungen. Z. B. Parka, Blumenkohl, Harke, Grill, Rasenmäher, tanzender Affe

Es gab auch Themen, wo wir keine Hilfsmittel brauchten, um die Diskussion in Gang zu bringen: Wohnen, Mobilität und Arbeit. Da sprudelten die Teilnehmenden nur so mit ihren eigenen Erfahrungen heraus. Der Output an diesem Tag war enorm.

Zum Beispiel erzählte jemand von seinen Schwierigkeiten, sich an der Bahnhaltestelle am Hauptbahnhof Leipzig zu orientieren. Alle hatten auch etwas zu sagen zur Wohnsituation für Menschen, die auf barrierefreie Wohnungen angewiesen sind. Barrierefrei Wohnen bezieht sich demnach nicht nur auf die Ausstattung und Kosten der Wohnung, sondern auch auf die Wohngegend: ist sie gut mit Bus und Bahn zu erreichen? Gibt es Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe? Sind die Nachbarn nett? Kann man sich das Viertel selber aussuchen?

imRaum der Diakonie mit Tischgruppe und Pinnwand und Flipchart. die Gruppe sitzt am Tisch. ich stehe an Pinnwand und rede mit einem aus der Gruppe. Die Teilnehmer hören gespannt zu

Das lief weniger gut

Es gab auch Themen, für die die Teilnehmenden nicht so viele Ideen hatten. Da ist es uns weniger gelungen, die Teilnehmenden für die Problematik zu sensibilisieren und eine eigene Meinung zu bilden. Ich erkläre mir das folgendermaßen:

  • Keine Anknüpfungspunkte: beim Thema „Kommunikation“ fehlten z. B. die Erfahrungswerte. Die Kommunikationswege der Stadt Leipzig waren den Teilnehmenden nicht bekannt: sie hatten noch keine Veranstaltungen der Stadt besucht, kannten ihre Internetseite noch nicht und hatten das Rathaus noch nie von Innen gesehen. Also weitete ich die Diskussion aus: Wir sprachen über barrierefreie Kommunikation im Allgemeinen: Veranstaltungen, Internetseiten und Beschilderungen von anderen Insitutionenen. Nur das Kapitel „Formulare“ aus diesem Themenfeld fand Anklang.
  • Kein Interesse: die Teilnehmenden interessierten sich einfach nicht für das Thema (was natürlich berechtigt ist).
  • Unkritische Haltung: ich merkte, dass die Teilnehmenden es nicht gewohnt waren, dass jemand sie nach ihrer eigenen Meinung fragt. Zum Beispiel hatte eine Teilnehmerin die Meinung eines Arztes noch nie hinterfragt. Hier drehte sich die Diskussion darum, die Teilnehmenden zu motivieren, die Therapieempfehlung eines Arztes nicht einfach so hinzunehmen, sondern sich auch nach alternativen Behandlungen umzuschauen. Wir führten also erste Schritte aus in Richtung aktiver Meinungsbildung.

Andere Wege zum Perspektivwechsel

Wie oben beschrieben gab es ein paar Themenfelder, für die ich eher wenig Input von den Teilnehmenden bekam. Dies hat mich dazu geführt, den Perspektivwechsel über andere Wege zu erreichen. Ich wollte noch solche Stimmen hören, die direkt betroffen waren.

  • Sitzungen mit der Stadt: Den Blickwinkel der Stadt durfte ich nicht aus den Augen verlieren. Schließlich ist sie es, die einen Teil der Zukunftsvisionen ihrer Bevölkerung umsetzt. In zwei Sitzungen untersuchten und entwickelten wir die Bildideen unter dem Gesichtspunkt Umsetzbarkeit weiter.
  • Interviews und Feedback: zum Thema „Bildung“ interviewte ich Erzieher und Leitung aus Kindergarten und Hort, einen Integrationshelfer und Eltern eines Kindes mit Einschränkung. So erfuhr ich, was noch nicht optimal funktioniert und was sie sich wünschen, damit Inklusion in ihrem Umfeld gelingen kann. Zum Thema “Freizeit” holte ich mir Feedback vom Verein Gemeinsamgrün e. V., der den inklusiven Gemeinschaftsgarten SALVIA führt.
  • Social Media: über Facebook und Twitter berichtete ich über den laufenden Prozess und fragte meine Community auch nach Feedback. Zum Beispiel suchte ich nach einer schönen funktionierenden Rampe im öffentlichen Raum Leipzigs. Ein Twitter-Follower gab mir einen Hinweis dafür und gab mir wertvolle Tipps, worauf man bei Rampen achten sollte. Ein anderes Beispiel ist meine Umfrage zu typischen Sätzen, die Menschen mit Einschränkung öfter hören. Dazu bekam ich sehr viel Rückmeldung. Das folgende Bild ist klickbar. Dahinter befindet sich der vollständige Thread mit allen Antworten.Screenshot Twitter- Thread mit "Für die Illustrationen des teilhabeplans #leichteSprache der Stadt Leipzigwürde ich gern typische Fragen, Kommentare oder sonstige Reaktionen karikieren, die Menschen mit Behinderungoft zu hören bekommen/erleben. ich brauch Euren Input! Welche Sätze kennt Ihr? gerne RT.
  • Vor Ort da sein: auch meine Präsenz in der Wohnstätte der Diakonie war enorm wichtig. Ich bekam so ungefiltert Stimmungen mit und konnte mir ein erstes Bild machen von Strukturen und Beziehungen.

Viele der Inspirationen hatten eher indirekten und/oder unbewussten Einfluss auf die Entwürfe. Sie trugen aber genauso wie die Hard Facts zum Gesamtbild mit bei.

Und so sehen die Ideenentwürfe aus

Vorab nochmal zur Klärung: was ist eigentlich ein Ideenentwurf? In dieser Stufe des Gestaltungsprozesses stimme ich mich mit dem Auftraggeber über die INHALTE ab. Es geht um die Frage “Was soll drauf?”. Ziel ist es also, die richtigen Bildmotive zu finden. Fragen, die das “Wie sieht es aus?” klären ( z.B. Stil, Menschentyp und Farbe ) werden erst später geklärt.

Hier ein paar der Ideenentwürfe:

im Supermarkt holt ein Mitarbeiter oben aus dem Regal eine Dose für eine ältere Dame mit Rollator, die da nicht ran kommt.

eine Person sitzt am Schreibtisch, auf dem sie gerade ein Formular ausfüllt gemütlich bei einem Kaffee. daneben liegen Faltblätter mit dem Wappen der Stadt und "i" für Info und dem leichte-Sprache-Symbol. Auf einem Bildschirm ist auch das Stadtwappen mit dem LS-Icon. Die Person dreht sich fröhlich zum Betrachter und hält den Daumen hoch für "klappt!"Klassenraum. zwei kinder, eins davon mit einem Assistenten, am vorderen Tisch. das mit Assistent hilft dem anderen Kind bei der aufgabe. im Hintergrund sitzen zwei kinder auf einem großen gemütlichen Sitzkissen auf Boden und lesen gemeinsam ein buch. an einer anderen Tischgruppe arbeiten kinder an ihren Arbeitsblättern. bei ihnen steht ein Lehrer und erklärt den Schülern gerade freundlich etwas.

Arbeit: Supermarkt als Grundidee. Ein*e Mitarbeiter*in hilft einer hilfebedürftigen Person (z.B. ein älterer Mensch) im Supermarkt, etwas aus der oberen Regalreihe zu holen. Man sieht die Eingang des Marktes und bekommt einen Blick in eine kleinere Straße des Kiezes. Man sieht vielleicht auch noch andere Kunden und Mitarbeiter. Der Supermarkt sieht sehr freundlich und fast gemütlich aus.

Kommunikation: Grundidee: Jemand sitzt entspannt an einem Tisch mit einer Teetasse dabei und füllt alleine ein Formular aus. Auf dem Tisch liegen außerdem Flyer der Stadt (Wappen) in Leichter Sprache und ein Computerbildschirm, der die Internetseite der Stadt Leipzig zeigt. Als Hintergrund kann man sich noch ein privates Zimmer vorstellen.

Bildung: Grundidee: Lernsituation in einem Klassenzimmer. Kein Frontalunterricht. Ein Kind mit (z. B. Down-Syndrom) und eins ohne Behinderung lernen nebeneinander an einem Tisch. Neben dem Kind mit Behinderung seine Assistenz. Das Kind mit Behinderung spricht (aktive Rolle) und zeigt auf etwas auf dem Blatt des anderen Kindes. Die Assistenz schaut unterstützend. Um sie herum andere Schüler*innen beim Arbeiten. Der Klassenlehrer/die Klassenlehrerin ist bei anderen Schülern, guckt über die Schultern und hilft beim Arbeiten. Andere Kinder im Hintergrund sitzen nicht am Tisch, sondern eins sitzt auf einem Riesenkissen und liest ein Buch. Ein anderes hockt daneben, zeigt auf das Buch und sagt etwas dazu. Insgesamt eine entspannte Atmosphäre.

Résumé und Ausblick

Der Perspektivwechsel ist geglückt. Ich wurde in meiner Meinung gestärkt, dass dieser sehr wichtig und unbedingt notwendig ist, um authentische realistische Bildmotive zu finden. Die Illustrationen werden in den kommenden Wochen fertig gezeichnet. Ihr dürft gespannt sein. :-)

Ich habe in den Arbeitssitzungen viel dazugelernt über Umgang, Themen, Kreativitätsmethoden und Bildmotive für und mit der Zielgruppe von Leichte-Sprache-Texten. Die Sitzungen entsprachen aber auch mehr als einer reinen Entwurfsphase. Sie waren auch ein Bildungsangebot für alle Teilnehmenden der Diakonie Leipzig, weil alle etwas gelernt haben zu den besprochenen Themen.

Zu Beginn dieses Artikels schrieb ich, dass durch die gemeinsamen Arbeitssitzungen schon Teilhabe von Menschen mit Einschränkung gewährleistet werden sollte. Den ersten Schritt in diese Richtung haben wir hiermit getan. Der nächste Schritt wird sein, dass Menschen mit Einschränkung noch aktiver an der Kreation beteiligt sind, indem sie SELBER Motive finden und umsetzen. Aufgrund von Zeit- und Budgetknappheit konnte dies für den Teilhabeplan noch nicht umgesetzt werden.

Andere Themen, mit denen ich mich auseinandersetzen möchte, sind Bilder für Blinde. Momentan wurden diese noch nicht berücksichtigt. Der Teilhabeplan wird mit Standard-Druckverfahren gedruckt. Wie sollten Bilder und Grafiken gestaltet sein, dass sie auch im Reliefdruck (das ist die Druckart, die für solche Bilder eingesetzt wird) umsetzbar sind?

Zusammenfassend kann ich sagen, dass dieses Projekt ein guter Startpunkt war, um zukünftige Projekte ähnlicher Art durchzuführen.

Mehr Barrierefreiheit im Grafikdesign

Ich hatte vorletzte Woche das Glück, einen Workshop zu besuchen, der GENAU zu meinem Thema passt. Es ging um barrierefreies Grafikdesign, also die barrierefreie Gestaltung von Schrift und Bild für Druckmedien. Der Kurs fand an der Hochschule Merseburg statt, wo viel zur visuellen Gestaltung für Leichte Sprache geforscht wird. Die Vortragenden waren Prof. Diplom-Grafikdesignerin Kerstin Alexander und M. A. Tech. Red. Cordula Wünsche. Die primäre Zielgruppe sind Menschen, die Standard-Texte nicht oder schlecht lesen können. Was ich aber so wichtig finde, ist, dass diese Infos auch für die Gestaltung von Standard-Texten nützlich, ja, sogar notwendig sein können.

Ich habe Euch die wichtigsten Aussagen aus dem Workshop zusammengefasst und visuell aufbereitet in Sketchnotes. Ich möchte, dass Texte in Leichter Sprache besser gestaltet werden. Mehr Designer sollen sich für ein barrierefreies Design interessieren. Denn so kann es irgendwann zum Standard werden und Inklusion auch auf visueller Ebene gelingen. Deswegen lege ich diese Informationen allen Menschen ans Herz, die für Leichte Sprache und ihre Visualisierungen verantwortlich sind.

Titel "Bild und Type – Über Bild und Type mit Menschen mit Lernschwierigkeiten kommunizieren". Danach werden 3 Regelwerke für Schrift: BMAS, DIN 1450 und BIT 2.0 und Netzwerk LS. Danach Punkt "Layout und Typo" . Zum Beispiel genug Weißraum einhalten, Bild links vom text setzen usw.

Empfehlung für Typo von leichte-Sprache-Texten: inhaltlich zusammen Gehöriges muss auch zusammen gesetzt werden, der Text sollte gut und logisch strukturiert sein. "Merkmale einer barrierefreien Schrift: hohe x-Höhe, Schrift ein bisschen breiter als normal, klare Unterscheidung ähnlicher Glyphen und Verwendung von Mediävalziffern.

Elche Schriften sind besonders gut geeignet? Opa Sans, neue Frutiger 1450 und Fira Sans. Welche Funktion können Bilder haben? Sie können eine affektive Funktion haben (Interesse wecken, Deko) und kognitive Funktion (Wissen verankern)

Regelwerke für Bilder: Lebenshilfe Bremen und Netzwerk Leichte Sprache. Beide sind leider unzureichend, besonders in Bezug auf abstrakte Begriffe. Studienergebnisse: 1. je abstrakter eine Darstellung, desto besser wird sie verstanden. 2. Je konkreter, exemplarischer ein Abstraktum durch ein ild aufgelöst wird, desto besser wird es verstanden. 3. Wenn praktisches Handeln an Text und Bild gekoppelt ist, erleichtert dies das Verständnis. Hinweise für eine bessere Text-Bild-Nutzung: direkte Verweise auf Bilder, Text und Bild sollten zeitgleich entstehen, Sprache kann man nicht durch Bild ersetzen. Text und Bild sollten komplementär sein. Ein Bild kann NICHT abstrakt sein, es ist immer individuell. Die Richtlinien für Piktogramme sollten bekannt sein. Vortragende: Kerstin Alexander (Prof. Diplomgrafikdesignerin) und Cordula Wünsche (MA Informationsdesign) HS Merseburg. Nützliche Links: Forschungsbereiche der Hochschule Merseburg zu finden auf www.kiw.hs-merseburg.de im Menu unter "Forschung"

Meine liebsten Infodesign-Projekte 2017

Letztes Jahr hat sich bei mir viel bewegt und konkretisiert. Im ersten Teil meiner Review fasse ich meine wichtigsten Designprojekte zusammen.

Gefühlskarten beim BELTZ-Verlag

Ressourcenkartenfür Paare beim BELTZ-Verlag erschienen

2017 war es endlich soweit. Ich bekam meinen ersten Auftrag für einen Verlag – und gleich mit einem eigenen Projekt, den Gefühlskarten. 5 Jahre zuvor schon hatte ich 30 Karten zusammen mit Oliver Wolf aus der Praxis calaidoskop konzipiert. Er brauchte sie für seine Arbeit mit behinderten Menschen. 2017 erweiterten wir das Set auf Wunsch des Verlags auf 60 Karten und fügten therapeutische Aufgaben hinzu. Seit August kann man die Karten offiziell erwerben.

Sprachposter

Sprachposter zu Ortadverien der Sprache Maluku für das Linguistik Institut der Uni Leipzig

Es gibt Projekte, die macht man für’s Geld; und es gibt Projekte, die macht man aus Überzeugung und mit Herz. Das Sprachposter für das Linguistik-Institut Leipzig gehörte dazu. Der Auftrag war schlecht bezahlt, verband aber perfekt meine Interessen UND ich hatte alle gestalterischen Freiheiten. Die Herausforderung war, Ortsadverbien der Sprache Maleku zu erklären, also Grammatik verständlich zu machen. Für Schüler verschiedener Altersstufen. Du weißt sicher, wie schwierig es ist, sich in die Logik einer Sprache hineinzudenken. Mich reizte, die Abstraktheit der Grammatik mit etwas Konkretem erfahrbar zu machen. Wie kann man dies nicht besser erreichen, als sich visuell an den Ort zu begeben, an dem die Sprache gesprochen wird, und zwar in den costa-ricanischen Dschungel. Wörter wie „über“, „hinter“ und „neben“ lassen sich hervorragend in realistischen Situationen visualisieren. Zum Beispiel „Es sind Bäume hinter dem Haus.“.
Das Poster hängt nun in costa-ricanischen Klassenzimmern und hilft den Schülern, Maleku besser zu verstehen.

Leichte-Sprache-Bilder für die Bundeszentrale für politische Bildung

Leichte-Sprache-Bilder für die Bundeszentrale für politische Bildung

Die Bundeszentrale für politische Bildung kam mit folgendem Problem auf mich zu. Die Illustrationen, die bisher im Leichte-Sprache-Abschnitt der Zeitung „Das Parlament“ erschienen, waren aus ihrer Sicht

  • zu kindlich
  • unpassend zum Thema
  • zu allgemein
  • und diskriminierend.

Gesucht wurde außerdem eine größere Vielfalt in der Darstellungsweise der Bilder. Mein Auftrag bestand also darin, politische Begriffe in Leichte Bilder zu übersetzen – in verschiedenen Bildsprachen. Besonders herausfordernd, da es die entsprechenden Leichte-Sprache-Texte zum größten Teil noch gar nicht gab. Ich musste sie also selber schreiben.

Entstanden sind 40 Illustrationen in 6 verschiedenen Bildsprachen. Die Bildsprachen variieren in Komplexität, Stil und Motivtyp. Oder anders gesagt: es geht von skizzenhaft bis farbig-ausgearbeitete Illustrationen. Jede Bildsprache hat ihr eigenes Potenzial, um Dinge zu erklären. Es war sehr spannend herauszufinden, welche Bildsprache für welche Bildinhalte geeignet ist und welch eher nicht. Die Bundeszentrale möchte mit dieser Diversität andere Menschen dazu anregen, eigene Bilder zu erstellen. Ich bin stolz, dazu beigetragen zu haben.

Info-Broschüre für Migranten

Elternbroschüre "KiTa" für Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (Lamsa e.V.) gestaltet von Simone Fass

Viele Migranten, die neu in Deutschland ankommen, sagen, dass sie von der Informationsflut überwältigt sind. Um sich zu integrieren, bekommen sie zu viel theoretisches Material und keine Hinweise auf die wichtigsten Informationen. Entweder sie sind ehrgeizig genug und arbeiten sich da durch, oder sie lassen es sein. ODER: sie haben Kontakt zum Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (Lamsa e.V.). Diese Organisation setzt sich für den interkulturellen Austausch und Integration in Sachsen-Anhalt ein. Sie gibt den Migranten die nötigen Informationen gebündelt und geordnet.

Wie z. B. die Elternbroschüren über KiTa und Schule, welche ich gestalten durfte. Die Aufgabe war, einen niedrigschwelligen Zugang zu Infos zu schaffen, damit diese sicher ankommen. Konkret hieß das: 6 Sprachen im klaren Stil formuliert, eindeutige Kapitelstruktur, Verständnis förderndes Layout und Typografie und Bilder, die die Kernaussagen klar transportieren.

Die Broschüre über Schule entstand zuerst. In der KiTa-Broschüre habe ich die Illustrationen noch mehr weiterentwickelt. Wichtig für die Bilder war vor allem eine diskriminierungsarme Darstellung, die Vielfalt zeigt und Inhalte auf den Punkt bringt. Hier könnt Ih

Grafiken für Schulbücher

Meine Reise in die Verlagswelt ging Ende 2017 weiter. Der Klett-Verlag beauftragte mich mit Grafiken für ein Schulbuch. Wie diese Reise weitergeht, erfahrt Ihr in den nächsten Monaten.

Wenn Dir meine Arbeiten gefallen, kannst Du Dir auch gern mein komplettes Portfolio anschauen.

Im nächsten Teil erzähle ich Euch meine Entwicklung im Graphic Recording und wie sich das auf meinen Stil und mein Angebot ausgewirkt hat.